von Peter Grabuschnig, Stellvertretung Obfrau
Was uns erschöpft – und was uns wieder verbindet
Es ist halb elf. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, ob wer geschrieben hat. Jetzt weiß ich, wie man in Neuseeland Schafe schert, warum ein Mann in Kanada sein Haus selbst gebaut hat, und dass es Leute gibt, die alte Bügeleisen sammeln. Wie ich dort hingekommen bin? Keine Ahnung.
Wahrscheinlich kennst du das. Und wahrscheinlich hast du dich danach auch schon gefragt, warum du dich nach zwei Stunden am Handy müder fühlst als vorher. Obwohl du eigentlich nichts getan hast.
Genau darum geht es hier.
Wir sind so vernetzt wie noch nie zuvor. Und trotzdem war echte Nähe selten so schwer zu spüren.
Die Pandemie der Einsamkeit
Die Weltgesundheitsorganisation spricht mittlerweile von einer der großen Gesundheitsfragen unserer Zeit: Etwa jeder sechste Mensch weltweit fühlt sich einsam. Und die gesundheitlichen Folgen sind kein Randthema – sie liegen in einer Größenordnung mit klassischen Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht.
Das Überraschende daran: Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein. Du kannst jemanden in einen Raum voller Menschen stellen, und er ist trotzdem einsam. Einsamkeit entsteht dort, wo es eine Lücke gibt zwischen den Beziehungen, die wir uns wünschen, und denen, die wir tatsächlich erleben.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Nicht ständig. Aber in bestimmten Momenten, mitten im Alltag.
Die Frage ist deshalb nicht: Wie bekomme ich mehr Kontakte? Sondern: Wie wird Nähe wieder spürbar?
Warum das Scrollen nie aufhört
Der Grund, warum wir abends um halb zwölf noch hinschauen, liegt nicht in mangelnder Disziplin. Er liegt in unserem Gehirn.
Da tummeln sich einige Botenstoffe. Serotonin fürs Wohlbefinden. Oxytocin für Nähe und Vertrauen – das wird z.B. bei Umarmungen und körperlicher Nähe ausgeschüttet. Und dann gibt es da Dopamin.
Dopamin wird gerne Belohnungshormon genannt, aber das trifft es nicht ganz. Dopamin ist nicht das gute Gefühl. Es ist die Lust auf mehr. Der Schubs, der sagt: da könnte noch was kommen.
Bei Schokolade gibt es irgendwann eine Grenze. Beim Alkohol auch. Beim Sex ebenfalls. Bei Social Media nicht.
Wir scrollen, und es hört nie auf spannend zu sein. Was kommt als Nächstes? Ein neues Video, ein neuer Reiz. Und weil wir nie wissen, was gleich kommt, bleiben wir dran – dieselbe Unberechenbarkeit, die einen Spielautomaten funktionieren lässt.
Das ist keine Charakterschwäche. Diese Systeme sind so gebaut uns von ihnen abhängig zu machen. Ein Buch hat eine letzte Seite. Ein Feed hört nie auf.
Aktiv oder passiv – hier liegt der Unterschied
Jetzt kommt der Punkt, der mir am wichtigsten ist: Digitale Kommunikation ist nicht per se schlecht.
Wenn wir aktiv kommunizieren – schreiben, telefonieren, uns austauschen, jemanden unterstützen – kann das Nähe sogar fördern. Wer weit weg wohnt, hält so Beziehungen am Leben.
Passiver Konsum sieht anders aus. Scrollen, zuschauen, vergleichen. Da sehen wir viele Menschen, aber niemand sieht uns. Wir fühlen uns beschäftigt. Es fühlt sich kurzfristig nach Verbindung an und hinterlässt langfristig Leere. Wir sind satt und trotzdem unterernährt.
Nicht die Bildschirmzeit ist also das eigentliche Problem. Sondern die Fragmentierung unserer Aufmerksamkeit. Wir sind überall ein bisschen – aber selten irgendwo ganz.
Was können wir also tun?
Was ist das, wovon wir alle gerne mehr hätten und nie genug haben werden? Zeit.
Zeit ist mittlerweile zum Statussymbol geworden. Die Arbeitskalender sind voll, die privaten auch, und einen Termin mit Freund:innen zu finden ist inzwischen sportlich. Wenn ich also jemandem meine Zeit schenke, schenke ich etwas sehr Wertvolles. Und da trifft der Spruch „Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich“ ganz gut zu.
Aber Zeit allein reicht nicht.
Ein Paar mit dem ich arbeite liegt abends gemeinsam auf der Couch. Dieselbe Serie läuft. Beide sind am Handy, auf Instagram, und schicken sich gegenseitig Reels hin und her. Das ist gemeinsam Zeit verbringen. Verbundenheit schafft es nicht.
Gemeinsam ist eben nicht dasselbe wie verbunden. Man kann im selben Raum sein, und trotzdem nicht da. Um wirkliche Verbundenheit zu schaffen braucht es also nicht nur Zeit, sondern auch Aufmerksamkeit.
Was im Alltag hilft
Digital Detox, drei Wochen Handy in die Schublade – vergiss es. Das funktioniert ungefähr so gut wie eine Radikaldiät. In Schulen werden solche Experimente durchgeführt und zeigen auch Wirkung, allerdings sind sie mehr die Ausnahme als die Regel. Was im Alltag wirklich wirkt, sind kleine Dinge, die du auch in der dritten Woche noch machst.
- Handyfreie Orte und Zeiten. Das Abendessen, die letzte halbe Stunde vor dem Schlafengehen, der Sonntagvormittag. Nicht als Verbot, sondern als Einladung. Und ja, dafür braucht es einen Wecker, der kein Handy ist.
- Benachrichtigungen aus. Alle. Handy, E-Mail-Pop-ups, Teams, auch das Vibrieren der Smartwatch mitten im Gespräch. Du wirst nichts versäumen – die meisten von uns schauen ohnehin ständig von selbst nach ohne es zu bemerken.
- Beobachte den Impuls, nicht das Gerät. Das Gerät ist nicht böse. Interessant ist der Moment davor. Wann greife ich zum Handy? Warum gerade jetzt? Welche Emotion umgehe ich damit vielleicht gerade – Langeweile an der Kassa, Unruhe nach einem unangenehmen Telefonat, Müdigkeit am Abend?
- Und dann die Wenn-dann-Variante. Wenn ich mich einsam fühle, dann rufe ich X an. Wenn ich aus Langeweile scrolle, dann gehe ich einmal um den Block. Das klingt banal, ist aber genau der Grund, warum es funktioniert: Es muss im Moment selbst nichts mehr entschieden werden.
Such dir eines aus. Für eine Woche.
Was Verbundenheit wachsen lässt
- Leg das Handy weg, wenn du mit jemandem redest. Nicht umdrehen – weg. Ein sichtbar am Tisch liegendes Handy verschlechtert Gespräche messbar, auch wenn es nicht einmal läutet. Es signalisiert: Da könnte gleich etwas Wichtigeres kommen als du.
- Ruf an, statt zu tippen. Eine Stimme trägt Dinge, die in keiner Nachricht Platz haben. Drei Minuten telefonieren schlagen zwanzig Nachrichten. Fast immer.
- Stell eine bessere Frage. „Wie geht‘s?“ bekommt „Passt eh“ als Antwort, und beide haben getan, was sie mussten. „Was hast du heute erlebt?“ oder „Worüber hast du dich gefreut?“ – da wird es interessant.
- Nimm die kleinen Begegnungen ernst. Die Nachbarin, der Mann in der Bäckerei, die Kollegin am Gang. Diese flüchtigen Kontakte sind kein Ersatz für enge Beziehungen, aber sie tragen mehr zum Wohlbefinden bei, als man ihnen zutraut. Zwei Sätze mehr, echt gemeint, kosten nichts.
- Mach aus „wir sollten mal“ einen Termin. Mit Datum. Sonst bleibt es ein netter Gedanke.
Zeit und echte Aufmerksamkeit
Am Ende braucht es zwei Dinge, und beide sind unspektakulär: Zeit und Aufmerksamkeit.
Menschen unsere Zeit schenken – und in dieser Zeit wirklich da sein. Nicht erreichbar für alles. Sondern anwesend für jemanden.
Ein Gespräch ohne Blick auf Smartphone oder Smartwatch ist heute schon ein Akt von Wertschätzung.
Es lohnt sich auch, kurz zu überlegen, welche Beziehungen einem eigentlich am wichtigsten sind. Denn du kennst diesen Moment: anstrengender Tag, du kommst nach Hause, erschöpft, leicht gereizt. Und genau dort warten die Menschen, die dir am meisten bedeuten. Und die kriegen unsere Laune dann ab.
Ich habe für mich entschieden, dass die Menschen, die zu Hause auf mich warten, meine schlechte Laune nicht verdient haben. Sondern meine Präsenz und meine Aufmerksamkeit. Deshalb nehme ich mir bewusst ein paar Minuten. Ich frage meinen Mann, wie sein Tag war. Und ich spiele kurz mit meinem Hund, der sich schon den ganzen Tag auf mich gefreut hat.
Es braucht keine perfekten Gespräche. Nur echte.
Denn Nähe entsteht nicht durch ständige Erreichbarkeit. Nähe entsteht durch Präsenz.
Und vielleicht ist genau das der erste Schritt, um im digitalen Alltag wieder aufzuatmen.





